So schön sind alte Autos
So schön sind alte Autos
Oldtimer – Rüdiger Kaus und Lothar Henneberg haben sich einen Traum erfüllt
Erstmals nahmen Rüdiger Kaus (60 Jahre) und Lothar Henneberg (59) an den Hattersheimer Klassikertagen teil. Sie stellten dort eine Renault Caravelle, Baujahr 1965, und einen NSU TT, Baujahr 1972, vor.
Der Sindlinger und der Delkenheimer ernteten viele anerkennende Blicke von den Freunden alter Autos. Kein Wunder. Sie haben die Oldtimer selbst restauriert. Das taten der Koch und der Inhaber eines Tabakwarengeschäfts so gründlich und gut, dass selbst Fachleute staunen. Jede Schraube, jedes Birnchen hatten sie in der Hand. Sie reinigten jedes Teil, arbeiteten alles auf, griffen zu Zahnbürste und Dremel (ein Drehgerät zum Schleifen und Sägen) für die Detailarbeit. Sie wuschen die Bezüge in der Badewanne, polsterten die Sitze neu mit Jute. „Manchmal sind wir schier verzweifelt“, sagt Lothar Henneberg. Zum Glück ist der Sindlinger Rüdiger Kaus mit zwei örtlichen Kraftfahrzeugmeistern befreundet. „Wenn wir gar nicht weiter wussten, gaben uns Karl-Heinz Kümmeth und Walter Hansen gute Tipps“, sind die beiden dankbar. Wenn nötig, halfen die Freunde auch mal mit Spezialwerkzeug aus. Die Lackierarbeiten ließen die Restauratoren bei den Gebrüdern Langenberg ausführen. „Es war eine Herausforderung. Aber es hat funktioniert“, sagt Lothar Henneberg und lehnt sich lässig an seine schlanke, hellgraue Caravelle mit dem offenen Verdeck, den edlen Linien und dem klassischen Design.
Er hat sich damit einen Jugendtraum erfüllt. „Ich hatte immer den Wunsch, einmal einen Oldtimer zu besitzen“, erzählt Henneberg. 2007 kam er per Zufall an eine recht rostige Renault Caravelle. „Ach du je – ein Franzose“, kommentierte Rüdiger Kaus den Kauf seines Freundes. Trotzdem bot er an: „Wenn ich mal eine Stunde Zeit habe, helfe ich Dir. Was willst Du machen?“ – „Was nötig ist, dass man damit fahren kann“, entgegnete Henneberg.
Erst nahmen sie die Türen ab, dann weitere Teile. „Am Ende war nur noch der Motorblock drin“, berichten die Hobby-Restauratoren: „Wir haben dann entschieden, es richtig zu machen oder gar nicht. Das war der richtige Weg“. Um es „richtig“ zu machen, investierten die beiden viel Zeit. „Wir haben recherchiert, Fachzeitschriften gewälzt, Messen besucht und Teileflohmärkte. Wir waren in Frankreich und Holland“, sagt Henneberg. Sogar in den Urlaub nahm Kaus die Schaltpläne mit, übersetzte mit Hilfe seiner Frau Nicola mühsam die Fachbegriffe aus dem Französischen ins Deutsche. „Es half, dass wir das Auto Stück für Stück selbst auseinander genommen haben“, findet Henneberg.
5000 Arbeitsstunden steckten die Freunde in das Projekt. Von August 2007 bis Mai 2011 verbrachten sie zwei Nachmittage pro Woche in der Werkstatt. Die Caravelle wurde gerade rechtzeitig fertig, um Tochter Manuela Kaus und Sohn Marcel Henneberg zur Hochzeit zu kutschieren. 2012 verwandten die Väter darauf, das starre Verdeck durch ein Faltdach zu ersetzen. Und dann? „Dann haben sie zu mir gesagt: Du brauchst jetzt auch einen Oldtimer“, berichtet Rüdiger Kaus: „Wenn schon, dann will ich einen NSU, habe ich gesagt. Das war mein erstes Auto“.
Der Wunsch wurde ihm erfüllt. 2013, zwei Wochen, bevor er sein Tabakwarengeschäft am Dalles abgab und in den Ruhestand wechselte, schenkte ihm die Familie Karosserie, Getriebe und etliche Kisten voller Teile für einen NSU TT von 1972. „Als Rentner hast Du mehr Zeit“, neckten sie ihn. „Wir haben erst mal vier Wochen dagesessen und Teile sortiert“, berichtet Lothar Henneberg. Auch hier galt es, jede Schraube, jeden Hebel, jeden Griff aufzuarbeiten.
Diesmal half die ganze Familie. Tochter Manuela baute den Auspuff ein, Frau Nicola das Getriebe. Sohn/Schwiegersohn Marcel erwies sich ebenfalls als große Hilfe. Im März 2015 erhielt der grasgrüne NSU die Zulassung. „Wir haben viel Spaß gehabt. Jetzt wollen wir unsere Autos hegen und pflegen“, sagen die Restauratoren – und können es doch nicht lassen. Zusammen mit Marcel Henneberg bringen sie gerade eine alte Vespa auf Vordermann. Nun werkeln ein Jurist, ein Koch und ein „Zigarettenverkäufer“ zusammen. Das Ergebnis wird sich sicher ebenso sehen lassen können wie die graue Caravelle und der grasgrüne NSU.